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Um ihren Nachwuchs nicht an die Grundschulen in der Nachbarschaft schicken zu müssen, tricksen Eltern in Szene-Bezirken bei der Anmeldung. Eine Schulleiterin kennt das Phänomen gut. Und findet klare Worte.

Wenn es um die Wahl der Grundschule gehe, sagt Astrid-Sabine Busse, achteten viele Eltern nur auf eines: den Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund. Die Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen kennt die Vorurteile und den Protest – jedes Jahr blieben Kinder den ersten Klassen von Schulen in Brennpunktvierteln fern, weil ihre Eltern die Zuteilung nicht akzeptierten. Um den Nachwuchs an ihre Wunschschule schicken zu können, griffen die Eltern dabei zu den verschiedensten Tricks. „Manchmal drohen sie sogar mit dem Anwalt.“

Jüngst berichtete WELT über die Jens-Nydahl-Grundschule in Kreuzberg, an der von 370 Schülern nur ein Kind mit der Muttersprache Deutsch aufwächst und an der die Schüler aus sozial schwachen Familien weitestgehend unter sich bleiben. Eigentlich reicht das Einzugsgebiet der Schule bis zum Fraenkelufer am Landwehrkanal, wo Zugezogene in teuren Altbauwohnungen leben. Doch diese Eltern versuchen mit allen Mitteln zu vermeiden, dass ihr Nachwuchs auf der Jens-Nydahl-Schule landet, wie die Schulleitung berichtet.

„Das schicke Multikultileben finden die Leute cool, sie ziehen extra deshalb nach Kreuzberg und Neukölln. Aber wenn es dann um die Bildung der Kinder geht, ist Kreuzkölln plötzlich gar nicht mehr so toll und Multikulti schon gar nicht“, sagt Busse. Dann würden die Eltern plötzlich lange Schulwege in Kauf nehmen, Hauptsache raus aus der Nachbarschaft. „Das ist doch absurd.“ Die Menschen wüssten ja, in welche Gegend sie zögen.

Die Jens-Nydahl-Grundschule ist kein Einzelfall: Allein in Kreuzberg gibt es vier Grundschulen, an denen der Anteil der Kinder, die mit ihren Eltern nicht primär Deutsch sprechen, bei mehr als 90 Prozent liegt. Schulen, die bei einheimischen Eltern ziemlich unbeliebt sind. „In Friedrichshain-Kreuzberg versuchen Eltern immer wieder durch Scheinanmeldungen den begehrten Schulplatz zu bekommen. Indizien hierfür sind oft Umzüge in die Einschulungsbereiche von übernachgefragten Grundschulen, insbesondere kurz vor der Schulanmeldung“, sagt Bezirksamtssprecherin Sara Lühmann.

Kommt in Berlin ein Kind in die erste Klasse, müssen die Eltern es vorher an der zuständigen Grundschule anmelden – in der Regel ist das die, die am nächsten gelegen ist. Wollen die Eltern das Kind lieber woanders hinschicken, müssen sie dafür einen Antrag stellen und ihren Wunsch schriftlich begründen. „Bei uns passiert das im Jahr bei 50 von 180 Anmeldungen“, sagt Busse, die Rektorin der Schule in der Köllnischen Heide im Bezirk Neukölln ist. Auch ihre Schule liegt in einem Brennpunktviertel, rund 95 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund. Einige der Kinder stammen aus Familien, die der Polizei bestens bekannt sind – aus dem Bereich der Clankriminalität.

Die Begründungen der Eltern, die ihre Kinder lieber nicht in der Neuköllner Grundschule anmelden wollen, seien zum Teil hanebüchen, sagt Busse. „Wir hatten auch schon den Vorwand, die Luft sei im anderen Stadtteil besser.“ Um offiziell näher an der Wunschschule zu wohnen, meldeten Eltern ihre Kinder außerdem beim Wohnsitz von Opa, Onkel oder bei der Tagesmutter an. Von einer Verteilung der Schüler nach Quoten hält sie hingegen nichts. „Wie soll das funktionieren? Dann müssten einige Eltern ihre Kinder am Ende durch die halbe Stadt fahren.“

In der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sieht man das ähnlich. So liege der Anteil der Kinder mit nichtdeutscher Herkunftssprache in Mitte bei knapp 74 Prozent, in Neukölln seien es 71 Prozent, so Sprecher Thorsten Metter. Eine Verteilung der Kinder sei bei diesen Werten „praktisch kaum möglich“. Der Fokus liege deshalb vielmehr auf der Unterstützung der Kinder mit fremder Herkunftssprache, „damit dieses Kriterium sich nicht oder möglichst wenig auf die Lernleistungen auswirkt“.

Der Anteil der Schüler, die zu Hause nicht hauptsächlich Deutsch sprechen, liegt in Berlin bei insgesamt 38,9 Prozent, an den Grundschulen sogar bei 44,1 Prozent. Und dabei ist die Hauptstadt unter den Bundesländern kein Einzelfall.

In Hamburg hat inzwischen jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund, der Anteil der Kinder mit fremder Muttersprache ist in den vergangenen acht Jahren von 23 auf 27 Prozent gestiegen. Die Auswertung des letzten IQB-Bildungstrends habe gezeigt, dass besonders Kinder mit doppeltem Migrationshintergrund einer besonderen Förderung bedürften, betont Peter Albrecht, Sprecher der Hamburger Schulbehörde. „Wir steuern Lehrerstellen und Sprachfördermittel nach Sozialindex und Migrationshintergrund, sodass die betroffenen Schulen deutlich mehr pädagogisches Personal haben.“

Die Berliner Schulleiterin Busse bewertet die großen Vorbehalte vieler Eltern als ungerechtfertigt. Gerade erst hat die Schulinspektion die Arbeit der Pädagogen an ihrer Neuköllner Grundschule mit Bestnoten bewertet. „Ich rate Eltern, sich die Schulen und deren Ergebnisse anzugucken und erst dann ein Urteil zu fällen“, sagt sie. Oft seien Mütter und Väter von der guten Atmosphäre und den Leistungen der Kinder überrascht.

Im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg ist man angesichts der schummelnden Eltern längst alarmiert. Verdachtsfälle würden vom bezirklichen Schulamt geprüft und die Eltern dazu aufgefordert, den von ihnen angegebenen Umzug nachzuweisen, sagt Sprecherin Lühmann. „Falls diese den Verdacht nicht ausräumen können, wird die Anmeldung an der begehrten Schule abgelehnt und das Kind fällt auf den ursprünglichen Einschulungsbereich zurück.“

Jedes Jahr gebe es mehrere solcher Fälle. Bei der Anmeldungsrunde für das kommende Schuljahr seien in Kreuzberg elf Fälle überprüft worden – viermal habe man die Antragsteller tatsächlich beim Schummeln ertappt. Ihre Kinder werden jetzt wohl auf die Schule in der Nachbarschaft gehen.

In vielen Fällen jedoch, sagt Schulleiterin Busse, kämen die Eltern mit ihren Tricks durch.